Zucker und Sklavenhandel

Von James Walvin · · 2023/Sep-Okt
Menschenrechtsverletzungen, Kinderarbeit, Ausbeutung: Bis heute sind die Bedingungen auf den Zuckerrohrfeldern oftmals problematisch, auch in der Dominikanischen Republik. © Erika Santelices / AFP / picturedesk.com

Zucker, Kolonialismus und die transatlantische Verschleppung von Millionen Afrikaner:innen sind untrennbar miteinander verbunden.

Mit der Einführung des Zuckerrohrs in Brasilien und der Karibik ergab sich eine neue Dynamik im Sklavenhandel: In den 1570er Jahren verschleppten die Kolonialmächte etwa 2.000 versklavte Afrikaner:innen pro Jahr über den Atlantik. Ein Jahrhundert später waren es bereits 18.000. Doch Ende des 18. Jahrhunderts kamen jedes Jahr im Schnitt 80.000 Afrikaner:innen in die Amerikas – die allermeisten auf die Karibikinseln und nach Brasilien.

Die Versklavten mussten eine Vielzahl von Arbeiten verrichten, vor allem in der Landwirtschaft. Sie wurden auch für den Plantagenanbau von Kaffee, Tabak, Tee und Baumwolle eingesetzt. Doch im Mittelpunkt stand der Zucker. Auf den Plantagen in den amerikanischen Tropen entstanden schnell einfache Fabriken. Bald verschickten die Plantagenbetreiber:innen und Handelsgesellschaften für die damalige Zeit enorme Mengen an Rohzucker und Rum nach Europa und Nordamerika. Der erste brasilianische Zucker fand 1519 in Antwerpen seine Käufer. 30 Jahre später gab es in der belgischen Stadt bereits 19 Zuckerraffinerien. In London registrierten die Behörden zwei Jahrhunderte darauf 80 Zuckerraffinerien.

Globaler Handel. Die Antilleninsel Barbados produzierte im Jahr 1650 etwa 7.000 Tonnen Zucker, deutlich mehr als jede andere britische Kolonie. Fünfzig Jahre später stieg die Zuckerherstellung auf 25.000 Tonnen, sie übertraf damit die Produktion von 22.000 Tonnen in Brasilien.

Bis 1770 erhöhte sich die Zuckerproduktion in den Amerikas auf 200.000 Tonnen – 90 Prozent davon entfielen auf die Karibik.

Rohzucker war zunächst teuer und in Europa nur für die Wohlhabenden erhältlich. Doch als die produzierten Mengen stiegen, fielen die Preise. Zucker wurde für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich. Tee aus China wurde mit Zucker aus der Karibik gemischt. Zucker war somit das Herzstück eines globalen – nicht nur atlantischen – Handels.

Alkohol als Waffe. In Nordamerika machten die weißen Kolonialist:innen den mit Sklavenarbeit aus dem Zuckerrohr produzierten Rum zu einem entscheidenden Instrument, die an Alkohol nicht gewöhnte einheimische Bevölkerung zu unterwerfen. Sie setzten den Rum gezielt ein, um ausbeuterischen und trügerischen Handelsgeschäften mit der indigenen Bevölkerung den Weg zu ebnen.

Die Zuckernachfrage in Nordamerika und Europa veränderte zudem den Landschaftsraum in den überseeischen Anbaugebieten dramatisch. Die Sklavenarbeiter:innen mussten riesige Wald- und Vegetationsflächen roden und niederbrennen, um Platz für den Zuckeranbau zu schaffen. Die Landschaft, die wir heute beispielsweise auf den Karibikinseln oder in Südamerika sehen, ist nicht mehr die Landschaft der Zeit vor 1492. Die Geschichte des Süßstoffes ist auch die Geschichte von bitterster Ausbeutung.

James Walvin ist emeritierter Professor an der britischen University of York.

Aus dem Englischen von Gerold Schmidt

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