
Von: Marcela Duharte Solis
Betreff: Verschwundener Soundtrack der Stadt
Liebe Redaktion,
wenn ich auf die Zeit der Quarantäne in Mexiko-Stadt zurückblicke, komme ich nicht darum herum, nostalgisch zu werden. Es drängt sich mir das Klischee auf, wonach „früher alles besser war”.
Wie überall auf der Welt haben sich die Menschen hier mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie so weit wie möglich isoliert. Der Soundtrack der Stadt ist verloren gegangen – und mit ihm der Alltag mit seinen Rhythmen.
Es begann frühmorgens mit dem Geräusch der Straßenkehrer und den Rufen der Straßenverkäuferin, die ihre in Maisblättern gedämpften Tamales anpries. Dann kam das durchdringende Pfeifen des umherziehenden Scherenschleifers, das Hupen des Müllwagens, das Scheppern und Bimmeln an jeder Ecke; unaufhörlich tönten die Motorengeräusche der Autos und Mopeds sowie das Hämmern und Fräsen aus den Werkstätten.
In der Stille ziehen wir uns in Zeiten von Corona an, schalten den Computer im Home-Office ein, trinken Kaffee, stehen mit viel Abstand in Schlangen im Supermarkt und warten.
Auf der anderen Seite: Mit der neuen Stille wurde das Zwitschern der Vögel wieder hörbar. Ein schönes Comeback! Es hebt die Stimmung in der Entmutigung, es verleitet zum Zuhören, und dazu, mit gutem Gewissen nichts zu tun.
Liebe Grüße, Marcela